Behandlung
unserer Widerstandskämpfer - durch die Nachgeborenen "Die Dokumentationen der FR sind ein besonders verdienstvoller Teil der Zeitung; ich habe sehr viele mit Gewinn gelesen und manche aufgehoben. 'Die Bombe im Bürgerbräukeller' sprengt allerdings alle Rahmen. Warum? Hier geht (angeblich?) ein Wissenschaftler (Privatdozent Lothar Fritze) hin, um auf Kosten des Steuerzahlers einen der nicht allzu vielen Hitler-Attentäter als
verwerfliches, moralisch verkommenes und verantwortungsloses Subjekt nach allen Regeln jesuitischer Kunst zu denunzieren – und die Ehre abzuschneiden. Hitler wollte bekanntlich am 16. Jahrestag seines Putsch-Marsches auf die Feldherrnhalle (er selbst hätte das als Hoch- und Landesverrat bezeichnet und die Täter auf das Schafott geschickt) mit seinen Getreuen, Alten Kämpfern, Trägern des goldenen Ochsenauges und vielen anderen verdienstvollen beinharten Nazis seiner Heldentaten gedenken
– und sicher auch den Sieg über Polen gebührend feiern. Elser, weder gelehrter Philosoph noch heldenhafter General, wollte durch einen schlichten Akt praktizierten Widerstandes die Verkörperung des Übels seit dem 30. Januar 1933 beseitigen und das ganze Naziregime entscheidend treffen. Daß dabei möglicherweise weitere Nazibonzen mit ins Gras beißen mochten, hat er sicher billigend in Kauf genommen – zu recht. Was macht Fritze daraus? So eine Art von Musikveranstaltung mit
Gaststättenbetrieb, wo liebe, nette Leute mal zum Bier zusammen gekommen sind. Nicht ahnend, daß da so ein verwerfliches Subjekt, sie nicht einmal fragend, zu Taten schreiten wollte. Und der verkappte Pg. Fritze verlangt, daß Elser, da er nicht garantieren konnte, mit seiner Bombe ausschließlich Hitler zu treffen, Bombenalarm hätte geben müssen, um die unschuldigen Nazis zu schonen - und sich hätte stellen, opfern müssen. Um "glaubhaft" zu sein, wie Fritze feinsinnig ausführt. Wobei
ich nicht daran zweifle, daß Fritze ein gewissenhafter Kämpfer für Recht und Freiheit ist. In unserem heutigen öffentlichen Dienst. Da diese Antrittsrede des Herrn Dozenten so unglaublich ist, daß ich selbst am liebsten eine Bombe gebastelt hätte (voller Jauche, versteht sich), kommt mir der Verdacht, daß es sich möglicherweise um eine Realsatire handelt. Ob das sein kann? Oder war es ganz anders? Vielleicht so: Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofes, ist gar nicht 1944
bei einem "Terrorluftangriff" ums Leben gekommen. Tatsächlich hat er das tausendjährige Reich überlebt, ist wieder in den (bayerischen) Staatsdienst übernommen worden (wo ja bekanntlich seine 'Witwe' eine erhöhte Pension genoß) und hatte irgendwann nach 1945 über Versorgungsansprüche der – fiktiven – Witwe des Georg Elser zu befinden. Roland Freisler, der zwischenzeitlich einen neuen Namen angenommen hatte, konnte zu diesen Ansprüchen nicht einfach "nein" sagen: er mußte
eine hohe Erklärung finden, die aber trotzdem zum Ziele der Ablehnung führte – die aber gleichzeitig 'den Elser', nachdem ihn die Nazis schon ermordet hatten, auch noch moralisch in den Dreck warf. Dahin, wo Freisler und Co. ja schon zehntausende Widerstandskämpfer und Nichtnazis hinbefördert hatten. Diese Erklärung erzählt uns Fritze. Vielleicht mit eigenen Worten? Mein Fazit: Georg Elser gilt zu recht als Widerstandskämpfer, der viel mehr in das Licht der Öffentlichkeit gerückt
werden sollte. Er hat als einfacher Mann aus der Arbeiterschaft mit ganz großem Mut einen persönlichen Kampf gegen die Nazibarbarei geführt und mit seinem Leben dafür bezahlt. Konrad Adenauer übrigens hatte die Zeit seit dem 30. Januar dazu benutzt, seine Pensionsansprüche als vormaliger Kölner OB durchzufechten. Mit Erfolg." 9.11.1999 |