Frage an den großen Donnerer:

Wer versagt in diesem Land?

“Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

kürzlich hatte ich die Gelegenheit, Ihren Amtssitz in Berlin zu besichtigen - virtuell, im Internet. Das Programm ist eine sehr gute Idee und hat mir gut gefallen. Der Versuch, Ihnen auch durch eine E-mail eine Nachricht zu übermitteln, ist allerdings gescheitert. Deshalb jetzt auf ganz konventionellem Wege - vielleicht etwas ausführlicher.

Ich war vom Moment Ihrer Wahl an ein Fan von Ihnen - wegen Ihrer menschlichen Haltung im persönlichen Auftritt, wegen Ihrer direkten, zupackenden Ausdrucksweise. Und losgelöst von Ihrer Vorgeschichte.

Ich bin kein Fan mehr - im Gegenteil. Ich will Ihnen sagen, warum sich das geändert hat.

Der Bruch kam mit Ihrer Berliner Rede vom Mai '97. Sie haben "allen" die Leviten gelesen, deutlich, mahnend, aufrüttelnd, beschimpfend. Und dann platzte mir der Kragen: "Warum nennt er nicht Roß und Reiter? Warum sagt er nicht, wer die Verantwortung trägt für die Miseren in unserem Lande? Warum beschimpft er die Opfer, die ausführenden Organe, die Menschen ohne Entscheidungsbefugnis? Die Menschen, die einmal so stolz darauf waren, "ihrem" Betrieb ewige Treue zu halten? Die auch immer stolz darauf waren, Bürger dieses Landes zu sein - bis man es ihnen austrieb?

Sind es die Arbeitslosen, die das Land vor die Wand fahren? Sind es die Pförtner und Krankenschwestern? Die Handwerker, Angestellten und Gruppenleiter? Die Postler und Eisenbahner? Oder sind es die "Verantwortungsträger" auf allen Ebenen? Die Wirtschaftsbosse, die Arbeitsplatzvernichter, die Minister und die Bundesregierung, die Steuerhinterzieher? Die willigen Helfer der Steuerhinterzieher in Gestalt einer willigen Bundestagsmehrheit und einer ganzen Schar von hochbezahlten Steuerberatern, Schlupflochfindern und -machern, Rechtsanwälten, Obergerichten und Bedenkenträgern?? Von Betrügern und Wirtschaftskriminellen, gegen die dieser unser Staat kein Mittel findet. Dazu willige Helfer in der Publizistik auf allen Ebenen und in allen Bereichen. Wer erhält die EK 1, Orden und Ehrenzeichen? Und wer wird zum ehrenamtlichen Engagement aufgerufen??

Und Sie, Herr Bundespräsident, als oberster Donnerer? Ohne Ansehen der Person? Unter Außerachtlassung des Grundsatzes von Ursache und Wirkung? Schlimmer noch: Sie beschimpfen die "kleinen" Leute in einer Weise, wie es nicht einmal der gute Mensch von Rüsselsheim, Nobby Blüm, der fehlgeleitete Sozialabbauer, wagt. Und der versteht sich doch wirklich auf's Wort an das Volk.

Ich will noch einen Schritt weitergehen. Sie sind - bei der Autorität, die das Amt Ihnen gibt und die Sie selbst besitzen (besaßen?) - im selben Atemzug mit denen zu nennen, die von morgens bis abends, vom ersten bis zum letzten Tag des Jahres unser Land und seine Menschen beschimpfen, im Inland und im Ausland, daß es eine Schande ist. Die unser Land, auf das ich sehr stolz bin, in den Dreck reden, daß selbst US-Wirtschaftsführer sich erstaunt fragen, was ist bloß mit "den" Deutschen los - ihr eigenes Land so herabzusetzen??

Ich lege bewußt noch eine Schippe Kohlen darauf, sehr geehrter Herr Bundespräsident, um meine große Sorge - und mein Anliegen - deutlich zu machen. Es gab einmal eine fürchterliche Zeit, in der der Hoch- und Landesverrats-Vorwurf fast gleichbedeutend damit war, daß das Opfer chancenlos schon so gut wie tot war. Wer mit dieser Anklage konfrontiert war, hat tödlich gezittert. Ich frage Sie: Sind alle diese Reden, die unser Land und seine Menschen, rücksichtslos und aus sehr eigensüchtigen Motiven so unnachahmlich runtermachen, nicht eine - der modische Zeitgeist läßt grüßen - Art von Hoch- und Landesverrat, der bestraft werden müßte? Mit Verachtung, Wut und noch mehr Wahlverweigerung? Mit landesweiten Großprotesten, wie in Frankreich? Mit Entzug der Ehren und -rechte?

Deshalb mein Anliegen - an Sie, die erste Autorität in unserem Lande. Bitte lassen Sie sich nicht den Geist verwirren, lassen Sie sich nicht zum willigen Helfer derer machen, die nichts für unser Land tun, sondern nur für ihre eigenen, im steuerfreien Ausland befindlichen prallgefüllten Geldsäcke. Deutschland ist ein gutes Land, mit guten Menschen, tüchtig, einfallsreich, erfindungsreich, arbeitsam - wenn man sie nur läßt. Und die meisten sind immer noch ehrlich, zahlen ihre Steuern und halten, trotz 150 Md. DM Steuerhinterziehung und abgeschaffter Vermögenssteuer, den Laden finanziell am Scheißen (um es ganz lebensnah auszudrücken).

Setzen Sie sich an die Spitze - auf daß wirklich ein Ruck gehe durch dieses Land. Und Sie als Herold der tatsächlich geistig-moralischen Erneuerung an der Spitze. Lesen Sie denen die Leviten, die uns aus krassem Eigennutz, lauter Unfähigkeit und verliebtester Selbstbespiegelung ins Elend führen. Wir sind schon weit gekommen. Es ist hoch an der Zeit. Ein 80-Millionen-Volk darf keine Spielwiese für menschenverachtende Systemveränderer sein.

Kommen Sie zu sich - entsagen Sie der Versuchung, mit den großmächtigen Klagehälsen zu wimmern. Auf Sie, Herr Bundespräsident, kommt es an - auf uns alle. Setzen Sie ein Zeichen. Ich würde gern wieder auf Sie setzen. Und mich augenzwinkernd erneut auf jede Ihrer Reden freuen.”

2.2.1998: An an den damaligen Bundespräsidenten Herzog

So kann man sich täuschen: auch der viel bewunderte Herzog hatte seinen Klassenstandpunkt. Und von dem konnte er sich nicht trennen. Erstaunlich? Nein, wieso?

Auch der Herr Bundespräsident blieb lieber still “unter sich”. Er schwieg.